SONNTAG 12. APRIL 2026
Evangelium nach Johannes 20,10-32
19 Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. 21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! 23 Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.
24 Thomas, der Didymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.[3] 25 Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. 26 Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! 27 Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. 30 Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. 31 Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.
Gedanken zum Evangelium
Ich erkenne mich in Thomas wieder. Er zweifelt, will verstehen, will sicher sein. In einer Welt voller Krisen geht es mir oft ähnlich. Je mehr ich auf diese Welt schaue, desto schwerer fällt es mir, die Zweifel an Frieden kleinzuhalten. Kriege, Klimakatastrophen, wachsender Hass, einfache Parolen für komplexe Probleme – vieles wirkt oft laut, hart und erschreckend.
Viele Menschen zweifeln und fragen sich: Wo ist Gott? Kann ich noch glauben?
Der Glaube steht heute oft im Spannungsfeld zwischen Wissen, Fakten und persönlicher Erfahrung – genau wie bei Thomas. Und diese Geschichte von Thomas möchte uns zeigen: Zweifel sind nicht das Ende des Glaubens. Sie gehören dazu.
Wir leben heute in einer wissenschaftlich geprägten Welt. Dinge sollen überprüfbar sein. Thomas verkörpert genau dieses Denken: «Ich glaube nur, was ich sehe.» Das macht ihn sehr zeitgenössisch – kritisch, suchend, nicht leichtgläubig. Thomas darf fragen – und findet am Ende Vertrauen.
Das Entscheidende dabei ist, dass Jesus Thomas nicht zurückweist. Er sagt nicht: «Schäm dich für deine Zweifel», sondern zeigt sich ihm und ist ihm nahe.
Zweifel hat für mich auch etwas Politisches. Denn Zweifel kann Widerstand sein gegen einfache Antworten, gegen Manipulation und gegen Ungerechtigkeit. Ich kann lernen, mit ihm zu leben, ihn zu prüfen und ihn in Verantwortung zu verwandeln: nicht alles zu glauben – aber auch nicht alles aufzugeben.
Gerade heute kann diese Geschichte Mut machen. Glauben bedeutet nicht, keine Fragen zu haben, sondern vielmehr, trotz aller Fragen Vertrauen zu wagen.
Das will uns Mut machen, nicht alles sicher wissen zu müssen, sondern darauf zu vertrauen, dass wir nicht allein sind – auch dann nicht, wenn wir unsicher sind.
Thomas wirkt für mich deshalb wie ein moderner Mensch: einer, der ehrlich sucht – und gerade darin einen Weg zum Glauben findet
Annelise Camenzind Wermelinger
