SONNTAG 26. April 2026

Evangelium nach Johannes 10.1-10

1 Amen, amen, ich sage euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. 2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. 3 Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus. 4 Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. 5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen. 6 Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte. 7 Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. 8 Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. 9 Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. 10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

Gedanken zum Evangelium
Unzählige, laute Stimmen prasseln täglich auf uns ein – Meinungen, Versprechungen und Erwartungen. Sie schüren mit Druck Angst, ziehen, zerren und überlagern sich.
Und mittendrin stelle ich die Frage: Wie finde ich Orientierung?
Vielleicht beginnt dieses Suchen nicht im Aus- sondern im Innehalten. In dem Moment, in dem ich einen Schritt zurücktrete und mir neu die Frage stelle:  Welche dieser Stimmen nährt mein Vertrauen, und welche schürt nur Angst?
Ich bin kein willenloses Wesen, das jeder Bewegung, jedem lauten Polarisierungsstil folgen will. Gerade in einer Zeit, der geopolitischen Spannungen und wachsender Unsicherheiten, werden populistische Stimmen immer lauter. Doch Populismus ist nicht die einzige Stimme.  Es gibt auch die leisen Töne: Klarheit, Gewissen und Hoffnung. Das bedeutet, dass Orientierung wachsen kann, wenn ich lerne, die leisen Stimmen wieder wahrzunehmen – nicht jeder Nachricht sofort Raum zu geben, nicht jede Meinung eins zu eins zu übernehmen, sondern bewusst zuzuhören und auch bewusst auszublenden.

Jesus spricht oft in einer eindrücklichen Bildsprache. Im Evangelium von heute bezeichnet er sich als Hirten sowie auch als Tür. Beide Bilder helfen uns über die Frage «Auf welche Stimme höre ich eigentlich?» nachzudenken. Wenn Jesus nun von sich als Hirt spricht, dann wird das Bild vom Hirten zum Gegenbild der Unsicherheit. Glaube gründet nicht darin, was wir hören, sondern auf wenwir hören, wem wir vertrauen.
Und die Tür wird zum Massstab der Unterscheidung. Nicht jede Tür führt zum Leben. Jesus öffnet eine Tür – nicht in Enge und Zwang, sondern in Weite und Freiheit. Es ist eine Tür zu den Räumen des Lebens.

Annelise Camenzind Wermelinger